1. Folge - Urner Wochenblatt

20. Februar 2021

Das verschollene Buch

Sefa Schuler, Bibliothekarin in dritter Generation, stand vor den Bücherreihen im Magazin und war kreidebleich. Dort, wo sonst das Buch mit der Signatur UA 1009 stand, klaffte eine Lücke. Das konnte nicht sein. Sie hatte es doch vor einigen Tagen noch in der Hand gehalten, hatte es aufgeschlagen und über den marmorierten Einband gestrichen. Aber jetzt war es weg. Ohne Platzhalter. Ohne Notiz. Fort.

Hatte sie es an einen falschen Ort zurückgelegt? Quatsch! Sie war seit 35 Jahren Bibliothekarin. Sie verbrachte jede freie Minute in der Bibliothek. Sie wohnte praktisch hier. Sie verlegte nie ein Buch.

Allerdings war sie in den vergangenen Tagen tatsächlich unkonzentiert gewesen. Wie auf Kommando ratterte eine Etage höher der Presslufthammer los. «Ra-ta-ta-ta», frass er sich in den Boden. Sefa schauderte. Sie sah die Notwendigkeit des Umbaus. Auch, dass er im laufenden Bibliotheksbetrieb stattfand, störte sie nicht. Aber dieser ohrenbetäubende Lärm, musste das sein? «Halt die Klappe, Bodenmörder!», rief sie ins leere Magazin. Der Presslufthammer verstummte. Sefa schnaubte verächtlich.

Dann wurde ihr ihre Situation wieder bewusst. Das Buch war weg. «Reiss dich zusammen, Sefa», zischte sie.

Sie hastete die enge Wendeltreppe hoch, setzte sich hinter die Ausleihtheke und tippte die Signatur in den Computer ein. Das Buch war nicht ausgeliehen. Das war es nie. In der ganzen Geschichte der Kantonsbibliothek hatte es niemand je lesen wollen. Darum hatte sie es sich ja ausgesucht. Es war das ideale Versteck! (1) Doch jetzt war es weg. Sie durchwühlte die Briefablage und drei Papierstapel. Fehlanzeige.

Dann schlug sie sich gegen die Stirn. Ihre persönliche Schublade, dort musste es sein. Sie nahm den Griff in die Hand und zog sie langsam auf. Der Presslufthammer dröhnte wieder los und hackte von Neuem den Boden in Stücke.

Die Schublade war leer, bis auf ein Schraubglas mit Malventee. Sefa stiess die Schublade zu. Der Tee musste warten.

Wo bloss war das verflixte Buch? Zum Glück war an diesem Dienstagnachmittag nichts los in der Bibliothek. Alle anderen waren an einer Fortbildung, und Bücher ausleihen wollte an diesem bitterkalten Februartag anscheinend auch niemand. Nur der Presslufthammer war hier, und auch der schwieg gerade. Sefa stampfte auf den Boden und vergrub das Gesicht in die Hände. Dann kam ihr eine letzte Idee. Sie stand auf und ging ins Hinterzimmer.

«Ra-ta-ta-ta», hämmerte es wieder los. In dem kleinen Abstellraum war der Lärm zwar nicht so laut, dafür rieselte Verputz von der Decke auf die Bücherstapel, die an der Wand standen. Sie hatten wegen dem Umbau weggeräumt werden müssen. Sefa würde Stunden brauchen, um sie alle durchzusehen.

Als sie gerade beginnen wollte, hörte sie einen Schrei. Alex! Aber ja, Alex war ja auch noch hier! Sie stürmte raus aus dem Hinterzimmer, rein ins Gedröhne, hin zu den Sachbüchern. Dort hockte Alex und starrte verstört ins Leere.

«Alex, was ist los?», fragte Sefa. Alex kam zu sich und sah sie verwirrt an. «Ich... Da war... eine Frau», stammelte Alex. «Als sie mich sah, machte sie riesige Augen und riss mir ein Buch aus der Hand.» Eine Träne. «Es tut mir so leid, Sefa.»

«Was? Du hattest es?»

Alex senkte den Blick. «Das Buch lag gestern Abend auf der Ablage. Ich habe es zufällig gesehen und war so neugierig.» Sefa konnte sich nicht erklären, wie das Buch gestern Abend auf die Ablage geraten sein soll. Sie jedenfalls hatte es nicht dort hingelegt. Alex blickte sie an. «Ist das ein Sagenbuch? Geht es darin um unsere Bibliothek?»

Sefa konnte in ihrem Ärger ein Lächeln nicht unterdrücken. Eigentlich hätte sie es sich denken können. Während andere Elfjährige auf dem Handy rumtippten, war Alex jede freie Minute in der Bibliothek und hatte Stapel von Büchern um sich aufgetürmt. Das seltsame Kind konnte keinem Buch widerstehen. Vor allem keinem, das so alt aussah. Alex war ihr vom ersten Moment an sympathisch gewesen.

«Hauptsache, dir ist nichts passiert», murmelte sie. «Aber das Buch ist jetzt wohl weg.»

«Das Buch schon, aber das hier ist rausgefallen.»

L.M.

1. Folge - Urner Zeitung

20. Februar 2021

Das verschollene Buch

Sefa Schuler, Bibliothekarin in dritter Generation, stand vor den Bücherreihen im Magazin und war kreidebleich. Dort, wo sonst das Buch mit der Signatur UA 1009 stand, klaffte eine Lücke. Das konnte nicht sein. Sie hatte es doch vor einigen Tagen noch in der Hand gehalten, hatte es aufgeschlagen und über den marmorierten Einband gestrichen. Aber jetzt war es weg. Ohne Platzhalter. Ohne Notiz. Fort.

Hatte sie es an einen falschen Ort zurückgelegt? Quatsch! Sie war seit 35 Jahren Bibliothekarin. Sie verbrachte jede freie Minute in der Bibliothek. Sie wohnte praktisch hier. Sie verlegte nie ein Buch.

Allerdings war sie in den vergangenen Tagen tatsächlich unkonzentiert gewesen. Wie auf Kommando ratterte eine Etage höher der Presslufthammer los. «Ra-ta-ta-ta», frass er sich in den Boden. Sefa schauderte. Sie sah die Notwendigkeit des Umbaus. Auch, dass er im laufenden Bibliotheksbetrieb stattfand, störte sie nicht. Aber dieser ohrenbetäubende Lärm, musste das sein? «Halt die Klappe, Bodenmörder!», rief sie ins leere Magazin. Der Presslufthammer verstummte. Sefa schnaubte verächtlich.

Dann wurde ihr ihre Situation wieder bewusst. Das Buch war weg. «Reiss dich zusammen, Sefa», zischte sie.

Sie hastete die enge Wendeltreppe hoch, setzte sich hinter die Ausleihtheke und tippte die Signatur in den Computer ein. Das Buch war nicht ausgeliehen. Das war es nie. In der ganzen Geschichte der Kantonsbibliothek hatte es niemand je lesen wollen. Darum hatte sie es sich ja ausgesucht. Es war das ideale Versteck! (1) Doch jetzt war es weg. Sie durchwühlte die Briefablage und drei Papierstapel. Fehlanzeige.

Dann schlug sie sich gegen die Stirn. Ihre persönliche Schublade, dort musste es sein. Sie nahm den Griff in die Hand und zog sie langsam auf. Der Presslufthammer dröhnte wieder los und hackte von Neuem den Boden in Stücke.

Die Schublade war leer, bis auf ein Schraubglas mit Malventee. Sefa stiess die Schublade zu. Der Tee musste warten.

Wo bloss war das verflixte Buch? Zum Glück war an diesem Dienstagnachmittag nichts los in der Bibliothek. Alle anderen waren an einer Fortbildung, und Bücher ausleihen wollte an diesem bitterkalten Februartag anscheinend auch niemand. Nur der Presslufthammer war hier, und auch der schwieg gerade. Sefa stampfte auf den Boden und vergrub das Gesicht in die Hände. Dann kam ihr eine letzte Idee. Sie stand auf und ging ins Hinterzimmer.

«Ra-ta-ta-ta», hämmerte es wieder los. In dem kleinen Abstellraum war der Lärm zwar nicht so laut, dafür rieselte Verputz von der Decke auf die Bücherstapel, die an der Wand standen. Sie hatten wegen dem Umbau weggeräumt werden müssen. Sefa würde Stunden brauchen, um sie alle durchzusehen.

Als sie gerade beginnen wollte, hörte sie einen Schrei. Alex! Aber ja, Alex war ja auch noch hier! Sie stürmte raus aus dem Hinterzimmer, rein ins Gedröhne, hin zu den Sachbüchern. Dort hockte Alex und starrte verstört ins Leere.

«Alex, was ist los?», fragte Sefa. Alex kam zu sich und sah sie verwirrt an. «Ich... Da war... eine Frau», stammelte Alex. «Als sie mich sah, machte sie riesige Augen und riss mir ein Buch aus der Hand.» Eine Träne. «Es tut mir so leid, Sefa.»

«Was? Du hattest es?»

Alex senkte den Blick. «Das Buch lag gestern Abend auf der Ablage. Ich habe es zufällig gesehen und war so neugierig.» Sefa konnte sich nicht erklären, wie das Buch gestern Abend auf die Ablage geraten sein soll. Sie jedenfalls hatte es nicht dort hingelegt. Alex blickte sie an. «Ist das ein Sagenbuch? Geht es darin um unsere Bibliothek?»

Sefa konnte in ihrem Ärger ein Lächeln nicht unterdrücken. Eigentlich hätte sie es sich denken können. Während andere Elfjährige auf dem Handy rumtippten, war Alex jede freie Minute in der Bibliothek und hatte Stapel von Büchern um sich aufgetürmt. Das seltsame Kind konnte keinem Buch widerstehen. Vor allem keinem, das so alt aussah. Alex war ihr vom ersten Moment an sympathisch gewesen.

«Hauptsache, dir ist nichts passiert», murmelte sie. «Aber das Buch ist jetzt wohl weg.»

«Das Buch schon, aber das hier ist rausgefallen.»

L.M.