Lesetipp Mai 2018

Franz Hohler 2017: Das Päckchen. - München : Luchterhand, 2017, 221 S.

Um das Image des Berufsstandes „Bibliothekar“ ist es in den Romanen und Erzählungen eher schlecht als recht bestellt. So wird häufig ein Bild einer grauhaarigen bebrillten Person hinter einem Schreibtisch gezeichnet. Sie verarbeitet Bücherstapel oder betätigt sich – wenn überhaupt – energisch tippend am Computer. Umso genauer achtet man sich natürlich auf die Beschreibung der Hauptrolle in Franz Hohlers „Das Päckchen“. Zu Beginn der Lektüre dachte ich mir „oha-lätz“, schon geht es wieder los. Denn der Protagonist heisst natürlich, wie könnte es anders sein, Ernst. Ganz so ernst, verschlossen und weltfremd entpuppt sich der Mann im Verlauf jedoch nicht. Im Gegenteil: Seinen Schreibtisch sieht er kaum noch, die Kollegen müssen immer sich mit einer Abwesenheitsnotiz zufriedengeben, da er sich auf eine abenteuerliche Reise begibt. Auch seine sportliche Frau, die übrigens auch Bibliothekarin ist, könnte gerade so gut einen anderen Beruf ausüben.

Im Zentrum der Geschichte steht ganz klassisch ein Buch. Ein sehr altes Buch, das Ernst von einer alten Frau aufgrund einer Verwechslung mit einem anderen Ernst in die Hände gedrückt bekommt. Er merkt schnell, dass es sich um eine alte Handschrift aus dem Mittelalter handelt, dem Abrogans, dem ältesten Buch in deutscher Sprache. Ernst gelangt immer mehr in Bedrängnis, weil auch andere auf der Spur dieses wertvollen Buchs sind. Der Bibliothekar verstrickt sich immer mehr in Lügen und Ausflüchten und entdeckt eine neue mutige Seite an sich, die er an sich bisher gar nicht gekannt hatte.

Parallel dazu entwickelt Franz Hohler eine weitere Geschichte um den Schreiber und Mönch Haimo ab, dem er die Rolle des Urhebers des Buches zuweist. So erfährt der Leser auch einiges über die Buchkunde und das Handschriftentum, aber auch über das Leben in Klöstern zurzeit des Karl des Grossen. Reizend ist auch die Figur Marias, seiner grossen Liebe. Durch sie erhält das Buch zusätzlich eine tragisch-romantische Nuance.

Das Buch ist sehr zu empfehlen. Es liest sich leicht und ist in einer einfachen Bildsprache gehalten, wie man es sich von Franz Hohler gewohnt ist. Der Autor ist sehr gut informiert über den Berufsstand der Bibliothekare, die heute auch Informationsspezialisten genannt werden. Ich freute mich bei der Lektüre auch über Kleinigkeiten, zum Beispiel die Erwähnung des neuen Regelwerks für die Katalogisierung, mit dem sich Ernst in der Geschichte umherschlagen muss.

Auch wenn natürlich viele Begebenheiten fiktiv sind, wie es sich für einen Roman gehört, würde man davon ausgehen können, dass sich die Geschichte der Entstehung des Abrogans so hätte abspielen können. Die Idee, dass sich ein mittelalterliches Buch in einem Blatt Papier eingepackt über Jahrhunderte so gut erhalten soll, lassen wir Informationsspezialisten aber gerne lieber in der Welt der Fiktion. (Carla Biasini)