Lesetipp November 2018

«Unorthodox» und «Überbitten»
Deborah Feldman. – Zürich, Secession Verlag für Literatur, 2016 und 2017

Deborah Feldman erzählt ihre eindrückliche Geschichte der Befreiung aus einer fundamentalen religiösen Glaubensgemeinschaft (Teil 1 - Unorthodox) und das Zurechtfinden in der wiedererlangen Freiheit (Teil 2 - Überbitten). Beiden Bänden ist die Auseinandersetzung mit der Schuldfrage des Nationalsozialismus und des Jüdischseins gemeinsam.

«Unorthodox» handelt von Deborahs Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen Gemeinschaft der chassidischen Juden in Brooklyn. Diese Gemeinschaft ist strenggläubig und hat alle Züge einer fundamentalen religiösen Sekte. Die Kinder werden in der Schule kaum in weltlichen, sondern vorwiegend in religiösen Themen unterrichtet. Mit 18 Jahren wird für Frau und Mann durch die Familie ein Partner gesucht. Die Frauen müssen ab sofort die Haare abschneiden und Perücken tragen. Oberstes Credo ist eine kinderreiche Partnerschaft. Gewalt an Frauen wird unter den Teppich gekehrt, insofern es dem Familienoberhaupt dazu dient, den richtigen und ehrenhaften religiösen Weg der Thora weiter zu verfolgen. Nach längerer Zeit des Wartens – sehr zum Bedauern der Familie - wird Deborah endlich schwanger. Das Heranwachsen des Sohnes und die Vorstellung, er müsse denselben Weg, den sie bereits gegangen war, nochmals gehen, gibt ihr die Kraft, sich Schritt für Schritt von der Gemeinschaft zu lösen.

Im zweiten Teil «Überbitten» sucht Deborah Feldman in der scheinbar erlangten Freiheit ihren eigenen Platz. Sie findet nach langer Zeit in Amerika schliesslich genau dort Halt, wo ihre jüdischen Vorfahren verfolgt wurden: in Deutschland.
Es ist sehr eindrücklich, wie Deborah Feldman sich mit sich selbst und der Gesellschaft auseinandersetzt. Sie getraut sich, ihre gefundenen Wahrheiten auszusprechen im Wissen, sich dadurch verletzlich zu machen. Die Sprache ist literarisch gekonnt, fliessend. Eine Meisterleistung von einer Autobiografie, die von ganz vielen Menschen gelesen werden sollte.

(Carla Biasini)